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Der Schnee des Vergessens

Der Schnee des Vergessens

Es war der Winter des Jahres 2145, als die kleine Stadt Nebelkrone, eingehüllt in die Flügel eines unnatürlich dichten Nebels, zu existieren aufhörte – zumindest für die Außenwelt. Niemand hätte gedacht, dass ein solch gewöhnlicher Tag in der Adventszeit den Anfang vom Ende bedeuten würde. Und doch war es so, dass der Nebel, der irgendwann im November gekommen war, nicht nur die Sicht, sondern auch die Erinnerungen der Bewohner zu verschlingen begann.

In einer Zeit, in der selbstfahrende Schlitten durch die Lüfte surrten und die Menschen mehr Zeit in virtuellen Welten als in der realen verbrachten, war es leicht, den Kontakt zur Wirklichkeit zu verlieren. Doch für Helga, eine Archivarin in der alten Bibliothek von Nebelkrone, war das greifbare Buch noch immer die wahre Zuflucht. Sie war eine der wenigen, die den Wert der Geschichte zu schätzen wusste, die in staubigen Seiten und brüchigen Buchrücken schlummerte.

Es war ein paar Tage vor Weihnachten, als Helga bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Die Leute in der Stadt begannen sich seltsam zu verhalten. Zuerst waren es nur Kleinigkeiten – ein vergessenes Gesicht hier, ein verlorener Name dort. Doch bald schien die ganze Stadt von einer seltsamen Amnesie erfasst zu sein. Die Menschen vergaßen ihre Verabredungen, ihre Arbeit und sogar, dass Weihnachten vor der Tür stand.

Helga, die von Natur aus skeptisch und neugierig war, machte sich auf die Suche nach der Ursache dieses kollektiven Vergessens. Sie verbrachte ihre Nächte in der Bibliothek und durchforstete alte Aufzeichnungen und Zeitungsartikel, während der Nebel draußen immer dichter wurde und das Licht der Straßenlaternen verschluckte. Es war, als ob die Welt außerhalb der Bibliothek nicht mehr existierte.

Eines Nachts, als die Uhr Mitternacht schlug und der Wind ein unheimliches Heulen durch die verlassenen Straßen schickte, entdeckte Helga ein altes Tagebuch, das hinter einem Regal verborgen war. Die Seiten waren vergilbt und der Einband war brüchig, doch die Worte darin waren deutlich und klar. Es war das Tagebuch eines alten Mannes, der von einem Fluch schrieb, der die Stadt heimsuchen würde, wenn der Nebel kam, um sie zu verschlingen.

Der Fluch, so stand es geschrieben, würde die Erinnerungen der Menschen rauben, bis sie nichts mehr als leere Hüllen ihres früheren Selbst wären. Der einzige Weg, den Fluch zu brechen, war es, in der Weihnachtsnacht das Glockenspiel der alten Kirche zu läuten, das seit Jahrzehnten verstummt war.

Mit Entschlossenheit und einer Prise Wahnsinn im Blick machte sich Helga auf den Weg zur Kirche. Der Nebel war so dicht, dass sie kaum ihre Hand vor Augen sehen konnte, doch sie folgte dem Klang ihres Herzens, das sie unfehlbar zum Ziel führte. Als sie die Kirche erreichte, war sie außer Atem und ihre Finger zitterten vor Kälte und Furcht.

Die Glocken waren riesig und schwer, und es bedurfte all ihrer Kraft, um das Seil zu ziehen. Doch als der erste Klang durch die Nacht hallte, schien der Nebel zu erzittern. Mit jedem Läuten der Glocken fühlte Helga, wie eine Last von ihren Schultern fiel, und als sie die Augen schloss, konnte sie spüren, wie der Fluch seinen Griff langsam löste.

Als der Morgen dämmerte, war der Nebel verschwunden, und die Menschen von Nebelkrone erwachten aus ihrem Vergessen. Sie erinnerten sich an ihre Vergangenheit, an ihre Lieben und an das Fest, das sie fast verloren hätten. Die Glocken der alten Kirche läuteten noch immer in Helgas Ohren, als sie mit einem zufriedenen Lächeln in die verschneiten Straßen trat.

Es war Weihnachten, und die Welt war wieder erwacht. Helga wusste, dass sie die Erinnerungen der Stadt bewahrt hatte, und dass die Geschichte, die sie gerettet hatte, niemals vergessen werden würde. Und so fand das seltsame Jahr in Nebelkrone ein Ende, das niemand je vergessen würde – nicht in diesem Leben und wohl auch nicht im nächsten.

THE END.